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Online-Workshop: Ernährungssouveränität

Dienstag, 25. Januar 2022

Was hat der Preis von Saatgut mit selbstbestimmter Landwirtschaft zu tun? Wie können wir mit unserer Ernährung ausgelaugte Böden vermeiden und Biodiversität fördern? Das und mehr lernte die Tafel Jugend am 25. Januar 2022 beim interaktiven Online-Workshop zur Ernährungssouveränität.

Schon mal was von Ernährungssouveränität gehört? Nein, aber du kannst dir grob vorstellen, was hinter dem Begriff steckt, ohne es jedoch genau in Worte fassen zu können? Dann geht es dir so wie den jungen Tafel-Aktiven, die an unserem Online-Workshop der Tafel Jugend teilgenommen haben.

Die Gruppe traf sich online auf Zoom mit den Referentinnen Paulina und Anne. Die beiden engagieren sich beim Netzwerk JugendAktion Natur- und Umweltschutz Niedersachsen und haben dafür an einem deutsch-bulgarischen Bildungsprojekt zu nachhaltiger Ernährung und Ernährungssouveränität mitgewirkt. Daraus entstanden u.a. Bildungsmaterialien und der interaktive Workshop, den sie mit der Tafel Jugend drei Stunden lang durchführten.

Die Workshop-Leiterinnen brachten die Teilnehmenden direkt zu Beginn ins Grübeln: Wo kommen die Zutaten der Bowl her, die ich heute Mittag gegessen habe? Backt mein Bäcker die leckeren Käse-Böreks eigentlich selbst oder schiebt er tiefgefrorene Fertigwaren in den Ofen? Nur die wenigsten Teilnehmenden konnten die scheinbar einfachen Fragen nach Herkunft und Zutaten ihres Mittagessens beantworten. Obwohl uns alle Ernährung jeden Tag betrifft, wissen wir oft erstaunlich wenig darüber.

Wo hat unser Essen seinen Ursprung?

Anne steigt deswegen mit dem deutschen Ernährungssystem ein und erarbeitet mit der Tafel Jugend am Beispiel der Brotherstellung, welche Schritte unsere Lebensmittel durchlaufen. Klar, die Getreidebäuerin baut das Korn an und erntet es. Ein Unternehmen stellt daraus Brot her und verkauft die abgepackten und geschnittenen Laibe an den Großhandel. Der verteilt sie wiederrum auf den Einzelhandel, wo Verbraucher:innen das Brot kaufen.

Aber hat unser Essen seinen Ursprung wirklich auf dem Feld oder in der Fabrik? Nein, erklärt Anne: Bevor auch nur eine einzige Weizen- oder Roggenpflanze sprießt, kaufen die Bauern und Bäuerinnen u.a. Saatgut, Maschinen und Pestizide bei Lieferunternehmen, die der Produktion vorgelagert sind.

Das Problem: Nur vier Anbieter haben hier gemeinsam einen weltweiten Marktanteil von rund 70 Prozent. Monopole und Machtkonzentration sorgen dafür, dass die  Landwirtschaft von deren Preisgestaltung und Auswahl abhängig ist. Beispiel hybrides Saatgut: Landwirt:innen haben kein Nachbaurecht, dürfen es also nicht selbst vermehren. Stattdessen sind sie gezwungen, das Saatgut jedes Jahr neu zu kaufen. Das ist ziemlich teuer und schränkt ein, wer Zugang zu Hochleistungssorten hat.

Genau an solch problematischen Stellen setzt die Ernährungssouveränität an.

Bevor du weiterliest, überlege selbst einmal: Was könnte deiner Meinung nach das Problem an unserem Ernährungssystem sein? Die Lösung unseres kleinen Quiz siehst du, wenn du auf den rechten Pfeil klickst.

Wie wir Lebensmittel produzieren, kann also Mensch, Umwelt und Klima schaden. Das möchte die Ernährungssouveränität ändern. Anne erklärt die Idee dahinter nach der Definition von Nyéléni:

Ernährungssouveränität ist das Recht der Völker auf gesunde und kulturell angepasste Nahrung, nachhaltig und unter Achtung der Umwelt hergestellt. Sie ist das Recht auf Schutz vor schädlicher Ernährung. Sie ist das Recht der Bevölkerung, ihre Ernährung und Landwirtschaft selbst zu bestimmen. Ernährungssouveränität stellt die Menschen, die Lebensmittel erzeugen, verteilen und konsumieren, ins Zentrum der Nahrungsmittelsysteme, nicht die Interessen der Märkte und der transnationalen Konzerne.
Definition Ernährungssouveränität von Nyéléni

Selbstorganisierte Kleinbäuer:innen reagierten mit der Idee der Ernährungssouveränität auf die Grüne Revolution:  Immer modernere Technologien und Anbaumethoden sorgten ab Mitte des 20. Jahrhunderts dafür, dass es plötzlich Lebensmittel im Überfluss gab. Dünger, Pestizide und besonders ertragreiche Pflanzensorten bedeuteten mehr Essen.

Klingt gut? Nein: Überproduktion und Preisverfall waren die Folgen, Lebensmittel verloren an Wert. Damit trug die Grüne Revolution wesentlich zur heutigen Kluft zwischen Armut und Lebensmittelverschwendung bei. Eine unnatürliche Entwicklung!

„Die Bewegung für Ernährungssouveränität möchte Ungleichheiten aller Art abbauen, z.B. zwischen Geschlechtern, ländlicher und städtischer Bevölkerung oder verschiedenen Regionen der Erde“, erklärt Paulina. Verbraucher:innen und Produzent:innen sollen unabhängig und bewusst handeln können.

Damit das möglich ist, beschäftigt sich die Ernährungssouveränität mit fünf Achsen:  

  • Lebensmittelverteilung: Wie kommen die Lebensmittel vom Acker auf den Teller? Wer verteilt sie und wer hat Zugang?
  • Gemeingüter wie Bildung, Saatgut und Wasser: Wie werden sie genutzt und erhalten? Wer hat Zugang?
  • Arbeits- und Sozialverhältnisse: Wie werden Menschen in der Landwirtschaft, Verarbeitung etc. bezahlt? Wie sind die Arbeitsbedingungen? Können sich alle Verbraucher:innen hochwertige Lebensmittel leisten?
  • Produktion von Lebensmitteln: Wie wird unser Essen hergestellt? Wie klimafreundlich ist die Produktion? Wie werden Tiere gehalten?
  • Politische Gegebenheiten: Wer setzt welche Rahmenbedingungen? Wie ist die Macht verteilt? Stärken Subventionen konventionelle oder nachhaltige Landwirtschaft und Tierhaltung?

In fünf Gruppen diskutierten die Workshop-Teilnehmenden jeweils eine Säule und merkten dabei schnell, wie komplex das Thema ist. „Ernährungssouveränität ist ein dynamisches Konzept, das Menschen befähigt, Entscheidungen zu treffen und das Ernährungssystem mitzugestalten“, so Paulina. Der erste Schritt dorthin: das bestehende System hinterfragen und erkennen, dass die Probleme strukturell sind. Erst dann können wir für Veränderung eintreten.

„Ich muss das erstmal verdauen, aber es war richtig interessant!“, sagt eine Tafel-Aktive zum Abschluss. Der spannende Input von Paulina und Anne hat die Teilnehmenden motiviert, sich über ihr Tafel-Engagement hinaus mit Ernährung und Lebensmittelproduktion zu beschäftigen: Sie möchten mit anderen über Ernährungssouveränität sprechen, selbst Gemüse auf der Fensterbank anbauen, mehr regional und saisonal einkaufen, besser auf Hersteller ihrer gekauften Produkte achten und für ihre Tafel kleinere Läden als Spender:innen gewinnen.


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