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Tafel Jugend meets JuLis

Freitag, 03. Dezember 2021

Unsere Gespräche mit politischen Entscheidungsträger:innen gehen in die nächste Runde. Am 2. Dezember 2021 sprachen wir mit Nemir Ali, stellvertretender Vorsitzender der Jungen Liberalen. Wer war dabei und worüber haben wir gesprochen?

Die Teilnehmer:innen konnten Nemir aus erster Hand von ihren Erfahrungen berichten. Jede Tafel ist anders und die Situation vor Ort immer unterschiedlich.

Susanne kam durch einen Aufruf zur Tübinger Tafel, die dringend Fahrer:innen gesucht hat. Als wegen der Pandemie viele ältere Freiwillige ausfielen, brauchte die Tafel jüngere Ehrenamtliche. Nach und nach konnten Studierende und Schüler:innen aktiviert und damit die Junge Tübinger Tafel gegründet werden. "Junge Menschen haben einen anderen Blick und neue Ideen. Wir müssen bessere Anreize und Förderung für sie schaffen", so Susanne.

Viktor ist schon seit fünf Jahren bei der Tafel aktiv. Er absolvierte einen Bundesfreiwilligendienst in Gifhorn und engagiert sich inzwischen bei der Tafel Göttingen. Dort gibt es seit einigen Jahren eine Tafel Jugend, deren erstes Projekt die sogenannte Politiker:innen-Reihe war. Dabei führten die Aktiven der Tafel Jugend Politiker:innen der Göttinger Linken und SPD durch die Tafel-Räume, beantworteten ihre Fragen und sprachen drängende Problem an. "Vor Ort in der Tafel erleben wir hautnah, was es bedeutet, wenn Menschen in Armut leben. Besonders erschreckend sind die Entwicklungen hinsichtlich Kinder- und Altersarmut. Wir möchten eine Lobby für die Menschen sein, die zur Tafel kommen, und ihre Interessen vertreten", sagt Viktor.

Britta ist Jugendbeisitzerin im Vorstand der Tafel Göttingen. "Wichtige Themen sind bei uns natürlich Lebensmittelrettung und Nachhaltigkeit, aber auch Aufklärung über das Mindesthaltbarkeitsdatum, zum Beispiel in Schulklassen."

Anna arbeitet seit vielen Jahren beim Dachverband der Tafeln. "Wir möchten Vorurteile gegenüber armen Menschen geraderücken, z.B. dass sie selbst Schuld an ihrer Lage sind. Armut ist zurückzuführen auf politische Rahmenbedingungen und strukturelle Ursachen. Tafeln können das nicht bekämpfen – sie können sie nur lindern. Wir sind ein Zusatzangebot."

Um mehr Lebensmittel retten zu können, brauchen Tafeln staatliche Unterstützung

Nemir fragt uns nach der Finanzierung der Tafel-Arbeit und, ob Kund:innen etwas für die Lebensmittel zahlen.
Die Tafeln finanzieren sich durch Spenden, staatliche Gelder gibt es nur als Projektmittel. Vor allem die Logistik der Tafeln ist teuer und bräuchte als notwendiger Bereich für die Lebensmittelrettung unbedingt finanzielle Unterstützung.

Die finanzielle Situation in den Tafeln ist sehr unterschiedlich. "Tübingen ist aktuell relativ gut situiert. Im vergangenen Jahr konnten sogar zwei extra Fahrzeuge angeschafft werden. Die Kund:innen zahlen  zwei Euro pro Einkauf [für die laufenden Kosten der Tafel wie Miete, Strom und Sprit]. Aber wir brauchen mehr Mittel und Kooperationen, um Lebensmittel direkt bei Erzeuger:innen zu retten, also auf Landes- und Bundesebene", erzählt Susanne. Das System bei der Tafel Göttingen ist etwas anders als in Tübingen; Kund:innen zahlen für drei Monate zehn Euro, Kinder fünf Euro. "Die Logistik ist sehr herausfordernd, vor allem auf Landesebene. Obwohl es Tafeln gibt, wird extrem viel weggeworfen", so Viktor. Trotzdem müssen Tafeln teilweise Lebensmittelspenden ablehnen, da ihre Lager- und Transportkapazitäten ausgeschöpft sind. Viktor ergänzt: "Tafeln übernehmen hier Aufgaben des Staates, deshalb brauchen wir staatliche Unterstützung für unsere Arbeit."

Nemir möchte außerdem wissen, wie die Lebenssituation der Kund:innen aussieht. "In Deutschland ist es aktuell extrem schwierig, sich aus der Spirale aus Kinder-, Jugend-, Erwachsenen- und Altersarmut herauszukämpfen", sagt Anna. In der Lebensmittelausgabe der Tafel kommt man viel ins Gespräch.

Ich sehe große Einsamkeit, vor allem unter den älteren Menschen. Sie fühlen sich von der Gesellschaft ausgeschlossen, schämen sich aufgrund ihrer Armut und können diese nur schwer akzeptieren. Oft haben sie ja ihr ganzes Leben gearbeitet. Die Zahl der Kund:innen nimmt immer mehr zu, mittlerweile sind es bundesweit 1,65 Mio. Menschen – ein Drittel davon Kinder und Jugendliche. Jedes fünfte Kind in Deutschland lebt in Armut! Auch die Zahl der Rentner:innen nimmt zu. Das ist eine Entwicklung, die uns große Sorgen macht.
Viktor
Freiwilliger aus Göttingen

Der neue Koalitionsvertrag sieht vor, dass freiwillige Lebensmittelspenden erleichtert werden – aber nicht verpflichtend sind. Das Thema Mindesthaltbarkeitsdatum hat es nicht in den Vertrag geschafft. Nemir betont, dass es hier mehr Aufklärung braucht. Mehr Punkte zum Thema Lebensmittelrettung beinhaltet der Vertrag nicht.

Begrüßenswert sind hingegen die Kindergrundsicherung im Koalitionsvertrag und das Bürgergeld (was bedeutet, dass alle steuerfinanzierten Sozialleistungen zusammengefasst und automatisch ausgezahlt werden sollen). Hier bleibt spannend, inwieweit das aktuelle System geändert werden kann. Offen bleibt auch, inwiefern die FDP, die in der neuen Bundesregierung das Ressort Verkehr übernimmt, die Fahrzeuge der Tafeln und den Ausbau der E-Mobilität fördern wird.

Zum Schluss äußert Viktor die Sorge, dass Tafeln aufgrund der vierten Pandemie-Welle wieder schließen müssen. "Wir brauchen ein konsequentes Handeln des Staates, sonst werden die eh schon benachteiligten Menschen noch mehr abgehängt." Es braucht z.B. dringend Corona-Nothilfen für armutsbetroffene Menschen, weiterhin Gutscheine für Hygieneprodukte und eine Kommunikation von Impf-Konzepten. "Die Ehrenamtlichen der Tafeln sind nach fast zwei Jahren Pandemie ausgelaugt. Tafel-Leitungen sind völlig überlastet. Kund:innen werden zusätzlich stigmatisiert, indem sie vor der Lebensmittelausgabe im Freien warten müssen", ergänzt Anna.

Wir danken Nemir für das spannende Gespräch und möchten weiterhin mit den Jungen Liberalen in Kontakt bleiben.

Worum geht es in unserem Forderungspapier?

Mehr zu unseren Forderungen könnt ihr hier nachlesen.


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